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Ein Engel namens Frederic
Ein
kleiner Engel schwebte eines Tages auf seiner kleinen, weißen Wolke am
himmelblauen Horizont…. Er schaute nach unten, auf die Erde.
„Soooooooooo groß ist diese Welt da unten, von der man sagt, dass sie
eine so tolle Erfindung sei! Ich glaube, ich möchte dort auch
verweilen!“ hörte man ihn rufen.
Schon
lange hatte er die Sehnsucht nach 2 Menschen. Er hatte sie sich sogar
schon ausgesucht. Manchmal, wenn er des Nachts auf seiner kleinen Wolke
saß, nahm er sich sein Fernglas und beobachtete das Treiben auf der
Erde.
Es gab so
viele verschiedene Menschen dort unten. Große, Kleine, Dicke, Dünne,
Weiße, Schwarze, Gelbe, Rote…. Er beobachtete sie sehr lange und sah,
wie die meisten von ihnen zur Arbeit gingen, oder aber faul im Garten
lagen und ein Buch lasen. Er sah auch, dass manche von ihnen sich
stritten, während andere sich in den Armen lagen und küssten.
Immer
stärker wurde in ihm die Sehnsucht, ein Teil dieser Welt zu sein. Er
wollte mit den kleinen Menschen, die man Kinder nannte, zusammen im
Sandkasten spielen und auf der Wasserrutsche ins Schwimmbecken
plumpsen. Er sah, dass diese Kinder eine Menge Spaß dabei hatten. Ja,
daran hätte er auch Spaß gehabt.
Sein
Wunsch wurde immer größer und größer und so schwebte er eines Tages zu
seinem Herrn auf die größte Wolke des Himmels hinüber und erzählte ihm
von seinen Wünschen.
Der Herr
hörte ihm aufmerksam zu, während der kleine Engel mit Händen und Füßen
erzählte, was er gerne da unten auf der Erde machen würde. Er klatschte
in die Hände, lachte laut, machte einen Purzelbaum und jonglierte mit
unsichtbaren Bällen.
„Nun, mein
kleiner Engel. Das Spielen ist nicht das einzige, was es da unten auf
der Welt gibt. Und es gibt nur einen einzigen Weg, der Dich dort
hinführt. Dazu musst Du aber ganz genau wissen, wie der Schlüssel für
die Tür zur Welt heißt.
Ich werde
Dir nun einige Fragen stellen, auf die es nur eine einzige Antwort gibt
und erst wenn Du mir diese beantworten kannst, so werde ich Dir Deinen
Wunsch erfüllen und Dich auf die Erde hinablassen!“
Der kleine
Engel war gespannt und vor Aufregung ganz rot im Gesicht! „Ja mein
Herr, ich werde die Fragen hoffentlich richtig beantworten!“ sagte er
und setzte sich im Schneidersitz auf seine Wolke.
Der Herr
begann zu reden: „Wenn Du Dir die Natur da unten anschaust, die Blumen,
die Bäume, die Tiere…. Dann wirst Du ein sehr tiefes Gefühl empfinden.
Es wird Dich glücklich machen, weil es ein Wunder ist, welches wahr
wird.
Wenn Du
zum ersten Mal in die Augen einer großartigen Frau und eines
großartigen Mannes blickst, so wirst Du auch dort dieses einzigartige
Gefühl finden. Du wirst es spüren und Du wirst auch spüren, dass die
beiden Menschen es empfinden. Es wird Dich warm halten, Dich
beschützen, pflegen und Dir beim Großwerden helfen.
Wenn Du
Freunde findest, dann wird Dich dieses Gefühl mit ihnen verbinden. Du
wirst Dich vielleicht ab und zu mit ihnen streiten, aber Du wirst Dich
auch immer wieder mit ihnen vertragen. Es gibt ein Band zwischen Euch,
welches stärker und dehnbarer ist, als alles, was Du bisher kennen
gelernt hast.
Du wirst
willkommen sein auf dieser Welt und man wird Dich mit diesem
großartigen Gefühl empfangen und Dich damit umschließen und Dir Wärme
spenden. Du wirst erwartet auf dieser Welt…. Denn Du hast den Schlüssel
dafür in der Hand mein Engel!
Ich sehe
Dir an, dass Du weißt, worüber ich rede, aber ich möchte es aus Deinem
Munde hören. Sag mir, welches wunderbare Gefühl es ist, das Dich auf
den Weg zu Deiner eigenen Welt bringen wird!“
Der kleine Engel saß mit offenem Mund und glänzenden Augen vor dem
Herrn, während er flüsterte „Das einzige Gefühl, welches mir den Weg
auf die Erde weisen wird, ist die Liebe. Denn sie kann niemand
zerstören und sie lässt niemanden je allein!“
Der Herr
war erstaunt darüber, was der kleine Engel schon alles wusste, streckte
seine Arme aus und sagte „Ja, die Liebe ist es, die Dich nun auf die
Welt bringt! Halte Dich gut an Deiner kleinen Wolke fest, denn der Weg
hinunter zur Erde kann ein wenig unangenehm werden und ich möchte
nicht, dass Du von der Wolke hinunter fällst. Ich werde Dir einen
kleinen Stern mit auf Deine Reise geben, der Dir den richtigen Weg
zeigen wird!“
Plötzlich
erschien ein heller, gelber Stern neben dem kleinen Engel. Der Stern
konnte reden und sagte „Halt Dich fest, ich werde Dich auf die Erde
bringen und Dich begleiten.“
Und dann
trat der kleine Engel seine größte Reise an.
Er merkte
allerdings schnell, dass ebenso sein größtes Abenteuer begann. Denn die
Wolke fing schon nach kurzer Zeit an, sich sehr ungalant zu bewegen und
er musste sich wahnsinnig doll festhalten, um nicht hinunter zu fallen.
„Gib nicht
auf mein Engel! Noch bist Du stärker als alles andere, was dieser Wolke
etwas antun kann! Halt Dich gut fest!“ Der Stern leuchtete immer noch
hell und schwebte neben der Wolke des Engels.
Es
herrschte ein wahnsinniger Wind um die Wolke herum und es fiel dem
kleinen Engel immer schwerer, sich festzuhalten…. Er schloss die
Augen….. denn er hörte ein Geräusch und wollte dieses ganz tief in sich
aufnehmen. Er erkannte Stimmen…. Es waren die Stimmen einer jungen Frau
und die eines jungen Mannes.
„Wir
freuen uns so sehr auf Dich mein kleiner Engel!“ sagte die Frau.
„Gerade hat uns der Arzt gesagt, dass Du ein kleiner Junge werden wirst
und wir haben lange überlegt, welchen Namen wir Dir geben werden. Wir
haben uns für Frederic entschieden und hoffen, dass Dir dieser Name
gefällt.“
Der kleine
Engel freute sich, denn endlich hatte er einen Namen, wie alle anderen
Menschen auf dieser Welt da unten.
Eine
heftige Windböe schubst die Wolke ein Stückchen weiter. Der Engel hatte
seine Augen immer noch geschlossen und er hörte erneut eine Stimme.
Diesmal war es die eines Mannes. „Wir können es kaum erwarten, Dich
endlich in die Arme zu schließen mein kleiner Engel. Wir haben Dir
sogar schon ein kleines, eigenes Reich erschaffen. Du wirst ein eigenes
kleines Zimmer haben, mit einem eigenen Bettchen und vielen kleinen
Stofftierchen.“
Der Engel
spürte eine sanfte Berührung und instinktiv wusste er, dass es die Frau
war, die ihn streichelte. Zwar nicht direkt, denn er fühlte diese
Berührung nicht auf seiner Haut, aber dennoch spürte er die Wärme, die
seinen Körper durchfloss.
Er liebte
diese beiden Menschen jetzt schon. Er hatte sie nie gesehen und auch
sie konnten sicher noch nicht wissen, wie er ausschaute. Aber das
Gefühl, welches die Antwort auf alle Fragen seines Herrn war, ließ in
seinen Gedanken zwei Gesichter erscheinen.
„Halt Dich
fest mein Engel! Ich weiß nicht, was los ist, aber ich glaube, ich kann
den Weg zur Erde nicht mehr sehen!“ schrie auf einmal der Stern! Die
Wolke des kleinen Engels vibrierte und es fiel dem Engel immer
schwerer, sich auf ihr zu halten.
Er spürte
unter seinen Füßen, dass die Wolke nachgab. Sie löste sich langsam auf.
Sie wurde zu Wasser. Der Engel bückte sich und berührte das Wasser mit
seinen Fingern. Es war warm. Er führte seine Hand zum Mund und
schmeckte nun etwas salziges. Die Wolke löste sich in Tränen auf und er
verstand nicht, was auf einmal passiert war.
Der Stern
rief „Halt Dich an mir fest! Sonst wirst Du hinunterfallen und den Weg
nicht mehr von alleine finden!“
Der kleine
Engel krallte sich am Stern fest. Er hatte so eine große Angst, ins
Bodenlose zu fallen.
„Ich kann
die Erde nicht mehr sehen, mein Engel. Überall ist Nebel! Siehst Du
das?“ fragte der Stern ängstlich.
Aber der
kleine Engel hatte seine Augen wieder geschlossen und hörte noch einmal
die Stimmen der beiden Menschen, zu denen er tiefe Liebe empfand.
„Frederic…. Wo bist Du hin? Wir sehen Dich nicht mehr…. Wir spüren Dich
nicht mehr…..“
Doch er
konnte sie sehen. In seinem Herzen. Denn dort schaute er ihnen noch ein
einziges Mal in die Augen. Er sah seine Mutter, er sah seinen Vater und
er wusste, dass er nie in ihren Armen liegen würde.
Zu schwach
war seine Kraft, jetzt wo seine Wolke sich aufgelöst hatte. Und dennoch
hatte er keine Angst, denn er empfand soviel Liebe in sich, dass diese
die Angst einfach nicht durchließ.
„Habt auch
Ihr keine Angst Mama und Papa! Ich habe den Weg zu Euch leider nicht
vollenden können, denn dazu reichte die Kraft des Himmels leider nicht
aus. Aber ich werde hier auf diesem Stern sitzen bleiben und Euch
beobachten. Und ich weiß, nein ich spüre, dass ich Euch ganz sicher
eines Tages in die Arme nehmen werde. Es wird nicht heute sein und auch
nicht morgen, aber der Tag wird kommen, an dem wir alle vereint sein
werden.
Denn
solange wir Liebe füreinander empfinden, wird uns dieses wunderbare
Band zusammen halten. Ich habe keine Angst…. Und ich möchte auch nicht,
dass Ihr traurig seid. Es ist nur noch die Zeit, die uns trennt. Aber
sie wird vergehen und wir werden in Liebe vereint sein….. Ich sehe Euch
Mama und Papa….. Ihr seid in meinem Herzen…. Genau wie ich in Eurem….“
Noch
einmal öffnete er seine Augen und schaute auf die Erde herab. Er sah
dort seine Eltern stehen. An einem Grab auf einem Friedhof. Sie hielten
Rosen in der Hand. Rote. Die Blumen der Liebe. Und eine kleine Träne
kullerte über seine Wange, als seine Eltern die Rosen in das Grab
fallen ließen.
Es war
eine Träne des Glücks die sodann auf die Blüten der Rose tropfte, die
er in der Hand hielt. Denn auch wenn er seine Eltern nicht berühren
konnte, so spürte er doch, dass er geliebt wurde. Und das war das
größte Wunder, welches er erleben durfte.
© Andrea
Koßmann, 17.07.2006
Am
17.07.2006 erfuhr ich, dass das Kind meiner Freundin Anja tot auf die
Welt kommen würde. Sie war in der 38. Schwangerschaftswoche, als man
feststellte, dass das Baby in ihrem Bauch nicht mehr lebt. In jener
Nacht konnte ich nicht schlafen, setzte mich an meinen Computer und
schrieb diese Geschichte für Frederic…. Den kleinen Engel, der es
leider nicht bis zu uns auf die Welt geschafft hat und dennoch in
unseren Herzen leben wird. Ein Leben lang! Und ich sehe ihn auf seinem
Stern sitzen…. Mit den Rosen der Liebe in der Hand…. Und ich sehe auch
die kleine Träne, die auf ihren Blüten kullert…. Und es beruhigt mich,
zu wissen, dass Frederic unsere Liebe gespürt hat... er durfte das
Wunder trotz allem erleben.

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